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Geschichte der Neuapostolischen Kirche

Von Dr. theol. Lothar Gassmann, Auszüge aus einer Vorlesung an der Freien Theologischen Akademie Gießen

Friedrich Wilhelm Schwarz
und die „Hersteld Apostolische Zending Gemeente“

Nun müssen wir uns noch einmal Friedrich Wilhelm Schwarz und Wilhelm Menkhoff zuwenden. Friedrich Wilhelm Schwarz war 1815 in Sardschau bei Danzig geboren und hatte dort das Schneiderhandwerk erlernt. Er stand zunächst unter dem Einfluß der neupietistischen Erweckungsbewegung und wollte nach Berlin gehen, um dort Missionar zu werden. Mitte der vierziger Jahre war er mit der Katholisch-Apostolischen Bewegung in Berührung gekommen. 1850 war er Priester und schließlich Engel in Hamburg geworden. 1863 hatte er in Amsterdam (Holland) seine missionarische Tätigkeit im Sinne der „Allgemeinen Christlichen Apostolischen Mission“ begonnen.

Dort war durch seine Predigt der reformierte Prediger Menkhoff für den neuapostolischen Glauben gewonnen worden, der von Deutschland aus auch in Holland agierte, und zwar als Mitglied des Missionsvereins des Dorfes Quelle bei Bielefeld, ebenfalls eines pietistischen Missionsunternehmens.

Menkhoff brachte eine wichtige Änderung in die Apostolische Missionsgemeinde von Schwarz hinein. Er stammte aus reformierter Tradition, und unter seinem Einfluß wurden die reichen liturgischen Bräuche der Katholisch-Apostolischen Kirche innerhalb der abgespaltenen Gruppe abgeschafft. Wenn man heute eine neuapostolische Versammlung besucht, merkt man nichts mehr von katholisierenden Elementen, etwa Weihrauch, Gewändern und vorformulierten Gebeten, wie sie bei den Katholisch-Apostolischen üblich waren. Jetzt hat man das schlichte, reformierte Auftreten übernommen mit einfachen schwarzen Anzügen - und aus dem Pietismus das freie Formulieren von Gebeten u.ä.

Calvinistische Nüchternheit kehrte nun ein in diese Gemeinden, zumindest äußerlich. Allerdings ging das nicht von heute auf morgen. Schwarz, auf den übrigens die Versiegelung von Kindern und die Spendung der Sakramente für die Verstorbenen zurückzuführen sind, wollte lange Zeit dieses calvinistisch-nüchterne äußere Gepräge nicht übernehmen, sondern am katholisch-apostolischen Kultus festhalten, aber schließlich ließ er sich von Menkhoff überzeugen, daß dies überflüssig sei. 1885 schließlich wurden in Hamburg und Berlin „die Kirchengewänder auf ein- und denselben Tag abgelegt. Ende der achtziger Jahre waren alle (katholisch)-altapostolischen Spuren verwischt“, wie es in der „Neuen Apostelgeschichte“ (S. 183) heißt.

Menkhoff nun war es, der die Neuapostolische Bewegung von Holland nach Deutschland zurücktrug. Es ist ja so, daß von Hamburg sich der größte Teil abgetrennt hatte, daß sich aber Schwarz noch in Holland befand und durch ihn Menkhoff gewonnen wurde. Und dieser trug nun die Neuapostolische Bewegung wieder nach Deutschland zurück. Offenbar wußte das der Missionsverein, der ihn ausgesandt hatte, nicht. Zunächst war Menkhoff sogar noch Direktor des Queller Missionsvereins, dieses pietistischen Unternehmens, geworden, obwohl er innerlich schon apostolisch eingestellt war. Bald nach dieser Berufung begann er freilich, seine neue Gesinnung öffentlich zu verkündigen.

Menkhoffs Übertritt wirkte in pietistischen Kreisen wie eine Bombe. Es war dennoch nur eine kleine Schar der Pietisten, die sich ihm anschloß und apostolisch wurde. Unter diesen befand sich die Familie Niehaus aus Steinhagen, aus der dann später der zweite Stammapostel hervorging. Es gab gegen Menkhoff Widerstand, der bis zu seinem Tod im Jahr 1895 anhielt.
Man kann sagen, daß 1878/79 sämtliche äußeren Einflüsse der katholisch-apostolischen Tradition abgetan waren. Die Zentralfigur in der folgenden Zeit wurde Fritz Krebs, auf den wir uns nun konzentrieren werden. Im Jahre 1886 allerdings versuchten die neu berufenen, deutschen Apostel Friedrich Wilhelm Menkhoff, Fritz Krebs und Friedrich Niemeyer, noch einmal eine Fusion mit der Katholisch-Apostolischen Kirche zu erlangen. In diesem Jahr schrieben diese drei gemeinsam einen Brief (35) an Francis Valentine Woodhouse, den letzten noch lebenden englischen Apostel. In diesem Brief legten sie von ihrem Gesichtspunkt her die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dar zwischen katholisch-apostolischer Richtung und der sich herauskristallisierenden neuapostolischen.

An Gemeinsamkeiten wurden genannt:

  • die Dreieinigkeit Gottes,
  • die erlösende Gnade durch das Verdienst Jesu Christi,
  • die Notwendigkeit einer neuen Geburt durch Wasser (Heilige Taufe) und Geist (Versiegelung durch lebende Apostel) wie auch
  • die sonntägliche Feier des heiligen Abendmahls, ferner
  • die nahe Wiederkunft des Herrn Jesus,
  • die Entrückung,
  • das Tausendjährige Friedensreich,
  • der Jüngste Tag, an dem alle auferstehen und gerichtet werden.

Es wurden auch die Differenzen aufgeführt. Und zwar sprachen Menkhoff, Krebs und Niemeyer von der „älteren Abteilung“ und der „neuen Abteilung“:

„Die ältere Abteilung lehrt, daß nach der im Jahre 1832 erfolgten Wiederaufrichtung des Apostolats in Zukunft keine weitere Berufung zu Aposteln stattfinden werde, weil die damals berufenen Männer dazu bestimmt seien, die Gemeinde dem Herrn entgegenzuführen. Diese Lehre bewirkte, daß die später berufenen Apostel keine Anerkennung fanden, sondern für falsch erklärt wurden [`Pseudo-Apostel`]; und das war die Ursache jener bedauernswerten Trennung. Die neue Abteilung dagegen hält jene erstgerufenen Männer, von denen nur Sie noch am Leben sind, auch für wahre Apostel des Herrn, zugleich aber erkennt sie auch die an, welche später gerufen wurden ... Der Herr fragte auch die ersten Apostel nicht, ob er Paulus und Barnabas zu Aposteln rufen dürfe, sondern er rief sie, und sie gingen als Apostel in die Welt, erfüllt mit der Kraft des Heiligen Geistes, so wie die erstgerufenen ... Hätten jene drei (Jacobus, Petrus und Johannes) ihre (Paulus´ und Barnabas´) Aussonderung zu Aposteln nicht angenommen, so würden sie zwar töricht gehandelt haben; Paulus und Barnabas aber wären dennoch Apostel des Herrn geblieben...“ (36)

Der zweite Unterschied lag in den liturgischen Formen. „Man teilte uns mit, daß die erstgerufenen Apostel in England acht Jahre lang in gewöhnlicher Kleidung in den Gottesdiensten erschienen wären ...“ begründen die Neuapostolischen ihr Festhalten an der Einfachheit. (37)

Als dritter Unterschied zwischen der „älteren“ und „neuen Abteilung“ wurde eine unterschiedliche Versiegelungs-Praxis aufgeführt: „Die ältere behauptet wie noch jetzt, daß unter 20 Jahren keiner versiegelt werden dürfe. Die jüngere lehrt dagegen, daß selbst kleinen Kindern die Versiegelung zuteil werden dürfe...“ Die Neuerung, daß auch Kinder schon versiegelt werden durch Handauflegung der Apostel und den Heiligen Geist nun unmittelbar erhalten („Geistestaufe“), hatte Schwarz eingeführt. „Warum lassen wir unsere Kinder taufen mit Wasser und wehren ihnen die Taufe mit dem Heiligen Geist?“, wurde argumentiert. (38)

Der Schlussabschnitt war ein Aufruf zur Versöhnung unter Anerkennung der neuen Apostel: „Predigen Sie, lieber Bruder, versöhnliche Liebe zu uns, die wir bisher umsonst um seines Werkes willen bei Ihnen gesucht haben. Lassen Sie diese Predigt der Liebe in allen Ihren Gemeinden erschallen; denn auch wir lieben Sie und bitten zu Gott, daß er Sie mit reichem Segen überschütten wolle, weil wir Sie für einen von Jesu gesandten Apostel halten, wie wir aber auch uns für solche ansehen, die, nach dem Willen Gottes vereint, mit Ihnen das Werk des Herrn bis zur Vollendung treiben sollen. ... Ihre in der Liebe Jesu verbundenen Brüder und Mitapostel Jesu Christi: Menkhoff, Krebs und Niemeyer.“ (39)

Es kam nie eine Antwort. Woodhouse hat die neuberufenen Apostel nicht anerkannt.

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