Infopool

Geschichte der Neuapostolischen Kirche

Von Dr. theol. Lothar Gassmann, Auszüge aus einer Vorlesung an der Freien Theologischen Akademie Gießen

Erste Propheten- und Apostelberufungen

Als Stifter der Katholisch-Apostolischen Kirche können der Londoner Bankier Henry Drummond und der Londoner Rechtsanwalt John Bate Cardale bezeichnet werden. Seit dem ersten Advent 1826 lud Drummond auf Anregung des anglikanischen Geistlichen Lewis Way jährlich für eine Woche 30-50 Geistliche und (nach bestimmter Art ausgewählte) Laien auf seinen Landsitz Albury Park (ein Schloß in der Nähe von Guildford südwestlich von London) ein. Nach welchen Kriterien wurden diese Männer eingeladen? Nicht nach ihrer Konfession, sondern danach, ob sie eine eschatologische Naherwartung hatten und sich in dieser Hinsicht prophetisch mit der Heiligen Schrift beschäftigen wollten. Unter diesen Eingeladenen war auch Edward Irving.

Henry Drummond war derjenige „Prophet“, der im Gefolge dieser Konferenzen den ersten „Apostel der Neuzeit“ ausgerufen hat, nämlich John Bate Cardale. Drummond (1786-1860) war nicht nur als Bankier, sondern auch als Parlamentsabgeordneter einflußreich, ein Aristokrat mit großem Vermögen. Er hatte schon vor seiner „apostolischen“ Zeit viel für die Reichgottesarbeit getan, und zwar hatte er zwei Missionsgesellschaften gegründet. 1818 hatte er die „Festlandsgesellschaft zur Bekämpfung des Unglaubens“ initiiert. Diese schickte fünfzehn Jahre lang Missionare in mehrere europäische Staaten. Von 1818 bis 1836 ist ihre Aktivität belegt. Man wollte gegen den Unglauben kämpfen in Frankreich und Italien, gegen den Sozinianismus und Arianismus in der Reformierten Kirche, gegen die Neologie und den Rationalismus sowie gegen den Spiritismus. Das zweite Missionsunternehmen, das Drummond begründet hatte, war die ungefähr auch in dieser Zeit ins Leben gerufene „Society for Promoting Christianity Among the Jews“ („Gesellschaft zur Verbreitung des christlichen Glaubens unter den Juden“). Diese setzte sich ein für die endzeitliche Bekehrung des Volkes Israel zu Christus.

Und nun hatte Drummond seit 1826 ausgewählte prophetisch-eschatologisch interessierte Geistliche und Laien eingeladen, vor allem einflußreiche Personen aus dem gehobenen Bürgertum und der Aristokratie. Und diese beschäftigten sich bei den Albury-Konferenzen u.a. mit folgenden Themen:

  • mit der Lehre der Heiligen Schrift über die Zeiten der Heiden, die auslaufen werden nach Lukas 21, 24 und Römer 11, 25, und über die gegenwärtige Haushaltung Gottes;
  • mit der Lehre über die Juden, über das Schicksal Israels;
  • mit der Lehre von der zweiten Ankunft (Wiederkunft) Christi;
  • mit der Reihenfolge der Ereignisse, die der Wiederkunft vorausgehen.

Die Ergebnisse, welche die Albury-Konferenzen hervorbrachten, lassen sich in sechs Punkten zusammenfassen: (16)

  1. „Die gegenwärtige christliche Haushaltung (dispensation) [Epoche] wird nicht durch eine immer mehr zunehmende Kraft und Ausbreitung der Predigt des Evangeliums zuletzt unmerklich in das Gottesreich übergehen, sondern durch schwere Gerichte, die auf die Zerstörung des jetzigen Kirchen- und Staatswesens abzielen werden, in ähnlicher Weise endigen wie ehemals die jüdische Haushaltung.“ [Man kann diese Lehrmeinung als prämillenniaristischem Dispensationalismus kennzeichnen. Dieser vertritt eine Abstufung der Heilsgeschichte in Epochen, z.B.: Epoche der jüdischen Haushaltung - Epoche der christlichen Haushaltung - Epoche der Endzeit. Diese Ansicht tritt in Gegensatz zum Postmillenniarismus, der das Kommen des Reiches durch die menschliche Leistung und Höherentwicklung erwartete. Hier aber geht es durch Gerichte hindurch; dann erst erfolgt die Wiederkunft Christi - und ganz am Ende richtet Christus selbst sein Reich auf.]
  2. „Im Verlaufe der auf die Christenheit herabtriefenden Gerichte werden die Juden ihrem Lande zurückgegeben und als Volk wiederhergestellt werden.“ [Auch diese Lehre besitzt eine biblische Grundlage. Die Erwartung hat sich inzwischen tatsächlich erfüllt: 1948 wurde der Staat Israel ausgerufen.]
  3. „Die Gerichte aber ... beginnen bei dem Teile der Kirche, welcher bis dahin am meisten begünstigt war und darum auch am meisten verantwortlich ist.“ [Damit ist z.B. in England die Staatskirche gemeint.]
  4. „Auf die Gerichte wird eine Periode allgemeiner Glückseligkeit ... für die gesamte Menschheit, ja sogar für die Tiere folgen, die gemeinhin als das tausendjährige Reich (Millenium) bezeichnet wird.“ [Millenniarismus oder Chiliasmus].
  5. „Die Parusie (´second advent`) (Wiederkunft) Christi geht dem tausendjährigen Reich voraus oder tritt zum Beginn desselben ein.“ [Prämillenniarismus: Christus kommt wieder vor dem Millennium, vor dem Tausendjährigen Reich.]
  6. „Eine große (apokalyptische) Periode von 1260 Jahren, die unter der Regierung Justinians begann, ist zur Zeit der französischen Revolution abgelaufen; von dieser Zeit an begann die Ausschüttung der Zornschalen gemäß der Offenbarung Johannes; Christus wird bald erscheinen ...“ [Hier hat man gerechnet. Man hat Justinian als Ausgangspunkt gesetzt und ist dann auf die Französiche Revolution als Beginn der Endzeitgerichte gekommen. Dabei erwartet man Christus bald. Neue Apostel - so die spätere Ansicht - werden ihm den Weg bereiten, und Irving wird als Johannes der Täufer betrachtet, der Christus und seinen Aposteln vorangeht; s.o.]

Der letzte Punkt ist sicherlich der problematischste. Die Albury-Konferenz löste sich denn auch auf, als die Katholisch-Apostolische Kirche entstand. Aber sie war die Keimzelle dafür. Der Pfarrer Hugh MacNeil, seit 1822 Rektor in der anglikanischen Gemeinde von Albury, hatte als Chairman fungiert. Obgleich er intensiv die Wiederkunft Christi predigte und auch das Gebet um die Wiederherstellung der Fülle urchristlicher Geistesgaben empfahl, änderte er später seinen Sinn und zog sich vollends vom Kreis um Drummond zurück, als die „apostolische“ Lehre sich entwickelte.

Wie kam es zur „ersten Apostelberufung der Neuzeit“? Die „charismatisch Erweckten“ waren am Anfang der Dreißiger Jahre zunehmend aus ihren Kirchen ausgeschlossen wurden, auch Cardale durch seinen Ortsgeistlichen MacNeil. Er und Drummond konnten nicht mehr in ihre Gemeinden gehen. Sie zogen sich zurück.

Und nun geschah folgendes: Henry Drummond wurde am 20. Oktober 1832 durch eine „Prophezeiung“ zum „Hirten“ der Gemeinde Albury berufen, die damals etwa fünfzig Personen zählte. Es war eine Art Hausgemeinde. Aber Drummond trat dieses Amt des Hirten nicht an, weil er überzeugt war, daß ihm noch die Ordination, die Amtseinsetzung durch Handauflegung (mit Geistübertragung) fehle.

Nun geschah es aber, daß am 31. Oktober 1832 der Londoner Rechtsanwalt John Bate Cardale durch ein „prophetisches Wort“ als „Apostel“ angesprochen wurde. (Die Amtsbezeichnungen der Katholisch-Apostolischen Kirche, der Neuapostolischen Kirche und ähnlicher Gemeinschaften sind im folgenden immer in Anführungsstrichen zu denken.) Cardale hatte gebetet, daß die Versammlung im Hause Drummonds angetan werde mit der Kraft aus der Höhe. „Während er da noch kniete, hingenommen im Geiste, erhob sich Drummond und redete ihn an mit unbeschreiblicher Macht und Würde: ´Bist du nicht ein Apostel! Warum spendest du nicht den Heiligen Geist?`“ (17) Er fügte dann noch manches hinzu von der „Fülle der Gnade“, die der Herr auf das Apostelamt gelegt habe und weiteres. Aber das war noch nicht die letztgültige Berufung. Man traf sich wieder, eine Woche später, am 7. November 1832, in der gleichen Wohnung, in dem Schloß, und der Ruf wiederholte sich.

Und nun, so wird berichtet, „ereignete sich einer jener unheimlichen Zwischenfälle, durch welche die Reinheit der Eingebung bedroht und schließlich nur bewährt wurde.“ Was geschah? „Ein junger Arzt von London weissagte anscheinend harmlos, imgrunde nicht aus Gott, bis Drummond, dem die Gabe der Geisterunterscheidung mit durchdringender Schärfe beiwohnte, das verborgene Wirken des Argen (des Teufels) erkannte und in Geisteskraft dem Sprecher Schweigen gebot. Dann aber, da Cardale eingefallen war mit Flehen im Geiste um Befreiung der Gebundenen, trat (der Prophet) Taplin vor ihn mit gewaltigem Rufen: ‘So schilt doch den Satan, da du ein Apostel Christi bist! Treibe die bösen Geister aus und befreie Gottes Kinder!’ Und im weiteren Fluge wies die prophetische Rede auf die ewige und unveränderliche Gnade, die durch das apostolische Amt den Argen aus allen Grenzen der Kirche bannen und Seine Auserwählten vom Übel erretten, ja mit den Schätzen des Himmels zieren werde im Heiligen Geiste, mit welchem Gott seine Kinder versiegeln wolle von nun an.“ (18)

Der 30jährige Londoner Rechtsanwalt Cardale wurde also 1832 zum ersten „Apostel der Neuzeit“ oder „Endzeit“ berufen - zunächst von seinem Freund Henry Drummond und dann bestätigt von dem späteren „Pfeilerpropheten“ Taplin. Nun nahm die Geschichte ihren Lauf. Am Heiligabend 1832 ordinierte Cardale den Prediger William Caird (den Ehemann von Maria Campbell; s.o.) zum Evangelisten und zwei Tage später Henry Drummond zum Hirten. Dieser erhielt nun seine ersehnte Ordination, und damit begann der Aufbau einer priesterlichen Ämterordnung oder Hierarchie. Edward Irving übrigens befand sich im Blick auf seine überragenden Fähigkeiten in einer gewissen Demütigung, weil er nicht zum Apostel berufen wurde, sondern nur zum Bischof. Er starb dann auch bald darauf (s.o.). Aber gleichzeitig mehrten sich die Berufungen zu Apostelämtern. Folgende Männer wurden zu Aposteln berufen:

  • am 25. September 1833 Henry Drummond;
  • am 18. Dezember 1833 der königliche Beamte am Londoner Tower, Henry John King-Church;
  • im gleichen Monat der Parlamentarier und Sohn eines englischen Staatsministers, Spencer Perceval;
  • im Januar 1834 der ehemalige anglikanische Geistliche Nicholas Armstrong;
  • am 13. August 1834 der Londoner Rechtsanwalt Francis Valentine Woodhouse (der längstlebende Apostel, der erst 1901, mit 96 Jahren, verstorben ist).

Damit war im Sommer 1834, also eineinhalb Jahre nach der Berufung Cardales, die Zahl „Sechs“ erreicht. Das Ziel blieb aber die Vollzahl, die „Zwölf“ - analog zum Apostelkreis um Jesus. So wurde Cardale vom „Geist“ angewiesen, mit dem Propheten Taplin die Gemeinden zu besuchen, die sich immer mehr bildeten, damit Gott weitere Apostel bezeichnen solle. Und so wurden im Jahre 1835 sechs weitere Männer zu Aposteln berufen: der Schriftsteller John Owen Tudor, der ehemalige anglikanische Pfarrer Henry Dalton, der schottische Adlige und Rechtsgelehrte Thomas Carlyle, der adlige Gutsbesitzer und Hauptmann Francis Sitwell, der ehemalige schottische presbyterianische Geistliche William Dow und der Apotheker und Arzneimittelgroßhändler Duncan Mac Kenzie. Der zuletzt berufene Apostel MacKenzie gilt als der „Judas“ in diesen Kreisen, weil er fünf Jahre später seine Apostelberufung zwar weiterhin anerkannte, aber sich von der Amtsausübung wegen Auseinandersetzungen zurückzog. Das sind also die zwölf „Apostel der Endzeit“ aus der Katholisch-Apostolischen Bewegung.

Weiterlesen ...

© Projekt B
Layout based on YAML || Last Update: 14.10.2015 || Impressum