Denkwürdiges

Der Mythos vom 4. Buch Esra

Enthält die Heilige Schrift Hinweise auf die Neuapostolische Kirche?

 

Einleitung

Als mich die neuapostolischen Brüder besuchten (Ein Priester und sein Diakon), kam es zu einem intensiven Gespräch über die Widersprüche zwischen der neuapostolischen Glaubenslehre und der biblischen Lehre. Als sie die biblischen Argumente nicht widerlegen konnten, wiesen sie mich auf das 4. Buch Esra hin: „Es steht doch schon in der Bibel, dass es eine Neuapostolische Kirche geben wird“ sagten sie. Nicht nur ich habe dies so erlebt. Viele andere berichten über ähnliche Begebenheiten. Immer wieder begegnet einem diese Behauptung. Erst vor wenigen Tagen erhielt ich erneut ein E-Mail in dem angefragt wurde, was es denn nun mit dem 4. Buch Esra auf sich habe: „... Dies erzeugte jedoch auch viel Gesprächsbedarf mit einzelnen Priestern ihrer Gemeinde, die sich in der Begründung der NAK (Neuapostolische Kirche) immer wieder auf Inhalte des 4. Buches Esra berufen.“

 

Die Bedeutung des Buches für die NAK

Tatsächlich spielte dieses Buch in der Rechtfertigung der Neuapostolischen Kirche eine besondere Rolle. Wie sollte man sonst die Antwort auf die Frage Nr. 15 im Katechismus (1) der NAK verstehen: „Frage: Welche Bewandtnis hat es mit dem vierten Buch Esra ...? Antwort: ...Die erste Gruppe, wozu das vierte Buch Esra gehört, ist aus Gründen aus den neuen Ausgaben ausgelassen, die uns nicht bekannt sind. Der Inhalt dieses Buches jedoch ist so wichtig für unsere Zeit, daß wir nur annehmen können, es ist mit einer besonderen Absicht in neueren Bibelausgaben unterdrückt worden...“ Auch in dem Heft 'Göttliche Verheißungen und ihre Erfüllung' (2) in welchem man versucht, die Entstehung der Neuapostolischen Kirche als Teil des göttlichen Heilsplans darzustellen, beruft sich die NAK auf dieses 4. Buch Esra und widmet diesem immerhin drei volle Seiten (2).

Der umstrittene Text

Was steht denn da so wichtiges, was unterdrückt werden soll? Schauen wir mal nach. In einer Inhaltsangabe zum 2. Kapitel des 4. Buches Esra ist folgendes zu lesen: „...Esra predigt der Kirche des Neuen Testaments, daß die alte Gnade Gottes soll auf sie gebracht werden. Ihr ist das Reich bereitet. Gott will sie lebendig machen. Ihnen die Erkenntnis seines Namens reichlich geben. Lehret er, wie sich die neue Apostolische Kirche halten und Gott wohlgefällige Dienste leisten solle. Verheißet derselben seinen väterlichen Schutz, bis an den Jüngsten Tag...“ (3)

Einleitung zum 4. Buch Esra


Ist dies ein biblischer Text?

In den Mythos vom 4. Buch Esra ist schnell Klarheit zu bringen. Beim 4. Buch Esra handelt es sich um ein sog. Pseudepigraph oder Pseudopigraph, d.h. um ein Buch, das zwar den Namen einer biblischen Person trägt, nachweislich aber nicht von dieser Person geschrieben wurde. Aus diesem Grund und dem fragwürdigen Inhalt gehört es nicht zum Kanon der Heiligen Schrift, sondern wird nur als Apokryphenbuch einigen Bibelausgaben beigefügt. Zudem ist nur in der Inhaltsübersicht zum 2. Kapitel des 4. Buches Esra von einer „neuen apostolischen Kirche“ die Rede. Diese Inhaltsübersicht gehört nicht zum Text des Buches selbst, sondern wurde als Kommentar von einem Bearbeiter im Mittelalter dem 2. Kapitel vorangestellt. Sowohl aus der Inhaltsangabe als auch aus dem Buch selbst geht hervor, dass der Bearbeiter die neue apostolische Kirche des ersten Jahrhunderts meint, also die neutestamentlichen Gemeinden und Apostel des Herrn. Diese Inhaltsangabe zum 4. Buch Esra findet sich lediglich in einer Nürnberger Schriftensammlung des 17. Jahrhunderts. In älteren Ausgaben der Bibel und Schriftsammlungen ist in der Inhaltsangabe zum 2. Kapitel (wenn diese überhaupt vorhanden ist) nicht die Rede von einer „neuen apostolischen Kirche“.


Luther übernahm das vierte Buch Esra nicht in seine Übersetzung der Heiligen Schrift, denn er war der Auffassung: „...Denn die selben zwey bücher Esra / haben wir schlechts nicht wollen verdeudschen / weil so gar nichts drinnen ist / das man nicht viel besser in Esopo (Buch mit Fabeln) (4) / oder noch geringern Büchern kann finden...“ (5)

Vorrede zum Buch Baruch

Darüber hinaus sagt Luther über das dritte und vierte Buch Esra: „Tertium Esdrae (3. Esra) werff ich in die Elbe. quarto sunt somnia Esdrae (4. Esra), die sind schön, und sind auch sonst gute böslin (Pösslein, Possen) drinnen, ... „ (6) Martin Luther ist also der Auffassung, dass im 4. Buch Esra nette Possen enthalten sind!

Erst „In der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts wurde das vierte Buch Esra in die in Nürnberg von Endter gedruckten Luther-Bibeln mit aufgenommen. Ebenso 1748 in die Carriere-Bibel aus Lörrach. Ab dem 19.Jahrhundert hat man diesen Zusatz zur Luther-Bibel wieder entfernt - also Luther-Bibel wieder ohne viertes Buch Esra, wie Luther es selbst wollte. Das vierte Buch Esra wurde also nicht aus der echten Luther-Bibel entfernt - es war überhaupt nie drin - weil LUTHER dies so wollte!!!“ (7) schrieb Siegfried Bühler ein Experte auf dem Gebiet antiker und mittelalterlicher Schriften zu diesem Thema.

Als man dieses umstrittene Esra Buch im 17ten Jahrhundert der Lutherbibel beifügte, tat man dies unter dem Hinweis: „...Daß wir trotzdem die oben genannten Bücher gleichsam zum Überfluß noch mit anhängen wollen, dazu veranlasst uns nichts anderes als die Wißbegierigkeit mancher Leute. Ich weiß nicht, was sie in diesen Schriften, besonders im vierten Buch Esra für Geheimnisse und Weißsagungen suchen und unter den Leuten in deutscher Sprache verbreiten wollen...Es bleibt jedoch dabei, dass diese Bücher 'Apokryphen’ sind (später hinzugefügt), ihr Inhalt ungewiß, zum Teil aus anderen, glaubwürdigen, zusammengezogen, ohne, daß ihre Aussagen genau so sicher eintreffen wie die anderen Bücher.“ (8)

 
Zusammenfassung

Man kann zusammengefasst sagen: Von einer „neuen apostolischen Kirche“ ist nur in der Inhaltsangabe zum 2. Kapitel des 4. Buches Esra die Rede, welches von einem Kommentator bzw. Bearbeiter stammt. Weder das 4. Buch Esra selbst und erst recht nicht die Inhaltsangabe kann als biblischer Text, also als zur Heiligen Schrift zugehörig bezeichnet werden. Das vierte Buch Esra wurde nicht unterdrückt, wie dies von der NAK behauptet wird, denn es gehörte in Wirklichkeit nie zur Heiligen Schrift. Zu behaupten, es stünde schon in der Bibel ein Hinweis auf die NAK, ist deshalb unhaltbar und unzulässig. Man muss sich ernsthaft die Frage stellen, warum die Neuapostolische Kirche ihre Legitimation auf so wackeligen Boden stellt und im Hinblick auf den Inhalt meint: „Der Inhalt dieses Buches jedoch ist so wichtig für unsere Zeit...“ (1)! Selbst Luther, der ja nach neuapostolischer Auffassung im Jenseits neuapostolisch geworden sei (9) und dessen Bibelübersetzung man benutzt, betrachtet dieses Buch als vergleichbar mit den Fabeln des Aesopus (4) bzw. als noch weniger aussagekräftig als diese.

Erfreulicher Weise hat der Stammapostel Richard Fehr wohl auch erkannt, dass dieser Text in der Vergangenheit überbewertet wurde. Er antwortete in einem Interview der Jugend gegenüber auf die Frage „Welche Bedeutung hat der Hinweis zum 4. Buch Esra für die Neuapostolische Kirche?“ Antwort: „Es kann dies lediglich ein Hinweis unter vielen auf das Werk Gottes der Gegenwart betrachtet werden...“ (10) Er versucht hier zwar zu relativieren, doch leider wird in dieser Antwort aber auch wieder zweierlei deutlich. Erstens, sieht er in dem Text tatsächlich noch einen Hinweis auf die Neuapostolische Kirche, und zweitens bringt er wieder mal den exklusiven Anspruch der NAK zum Ausdruck: „...das Werk Gottes der Gegenwart...“

Lutz Jusko im Juli 2004

 


Quellen / Anmerkungen

1) Fragen und Antworten über den Neuapostolischen Glauben, Frage Nr. 15, Verlag Friedrich Bischoff GmbH, 1981, Frankfurt am Main
2) Göttliche Verheißungen und ihre Erfüllungen Seite 26-28, Neuapostolische Kirche – Internationaler Apostelbund, 1983, Zürich
3) Inhaltsangabe zum 2. Kapitel des 4. Buches Esra aus einer Bibelausgabe des 17. Jahrhunderts, zitiert über: Rund um das vierte Buch Esra und die “neue Apostolische Kirche” Version 4.2, Siegfried Bühler, 1998
4) Esopo = Aesopus, Aesopus war ein griechischer Sklave, er lebte im 6. Jahrhundert vor Christus und verfasste Tierfabeln. Luther verdeutschte einige dieser Fabeln, denn das aus der Antike überliefert Fabelgut war in den mittelalterlichen Klosterschulen ein beliebter Lesestoff
5) Vorwort zu Baruch, Luther-Bibel von 1545, zitiert über Siegfried Bühler siehe 3)
6) D. Martin Luthers Werke, Tischreden 1. Band, Seite 337, Nr. 692, 1912, Weimar
7) Siegfried Bühler siehe 3)
8) Vorrede zum dritten und vierten Buch Esra und des dritten Buchs der Makkabäer, zitiert über Göttliche Verheißungen und ihre Erfüllungen, Seite 26, Neuapostolische Kirche – Internationaler Apostelbund, 1983, Zürich
9) Apostel F.W. Schwarz schreibt am 10. April 1874 in der periodischen Schrift &Mac226;De Herinnering’ folgendes über die Taufe Luthers: „...Und denkt euch nur, am Ende des Gottesdienstes kam eine Weissagung (doch ich habe sie noch nicht empfangen): >>Ich, der Herr...gedenke heute an meinen Knecht Martin LUTHER, damit er zu meiner Braut gehöre. Mein Knecht VERKRUISEN, gehe zu meinem Knecht, dem Apostel, und lasse dich taufen für meinen Knecht Martin LUTHER.<< Mithin gehört Vater LUTHER fortan zu den Erstlingen und wohl zum Stamme Juda!“ und dann weiter am 16. April über die Versiegelung Luthers: „...Dann kann ich euch folgendes Gesicht mitteilen: >>Bei der Versiegelung von Martin LUTHER umgab den Apostel SCHWARTZ und Bruder VERKRUISEN ein Glanz von Licht<<...“! Zitiert über ’Das Entschlafenenwesen – Eine Darstellung des Glaubens und Handelns im Werke des Herrn...’, S. 70-71, Günter Knobloch, 1984
10) Interview der Jugend aus Süddeutschland, die schriftliche Fragen dem Stammapostel vorlegte,
http://geocities.com/stiegelmeyr/Stap_Jugendinterview.htm, 2004

 

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