Betrachtungen

Die neuapostolische Taufe

Mit allen Wassern gewaschen?

Abwaschung der Erbsünde

Wenn in der Taufe die Erbsünde abgewaschen werden soll, setzt dies voraus, dass es eine Erbsünde gibt. Wie wird Erbsünde definiert, was ist das eigentlich? Die Heilige Schrift zeigt uns zwei unterschiedliche Dinge in diesem Zusammenhang sehr deutlich. Erstens ist von der ganz individuellen Sünde die Rede, der Ungehorsam gegen Gott, durch den der Mensch Schuld auf sich lädt. Diese Sünde trennt den Menschen von Gott. Das Zweite ist, verursacht durch den ersten Sündenfall des Adam, der Fall der gesamten Schöpfung. Durch diesen Fall kamen Krankheit sowie der natürliche und geistige Tod in die Schöpfung:

„Die Kreatur ist nämlich der Vergänglichkeit unterworfen, nicht freiwillig, sondern durch den, der sie unterworfen hat, auf Hoffnung hin, daß auch sie selbst, die Kreatur, befreit werden soll von der Knechtschaft der Sterblichkeit zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, daß die ganze Schöpfung mitseufzt und mit in Wehen liegt bis jetzt;“ (Röm 8,20-22)

Von da an war und ist im Menschen eine „Grundbosheit“ vorhanden, die ihn nicht nur zur Sünde befähigt, sondern jeden unwillkürlich sündigen lässt:

„Und der HERR roch den befriedigenden Geruch, und der HERR sprach zu seinem Herzen: Ich will fortan die Erde nicht mehr verfluchen um des Menschen willen, wiewohl das Dichten des menschlichen Herzens böse ist von seiner Jugend an; auch will ich fortan nicht mehr alles Lebendige schlagen, wie ich getan habe.“
(1Mo 8,21)

„...wie geschrieben steht: «Es ist keiner gerecht, auch nicht einer; es ist keiner verständig, keiner fragt nach Gott; alle sind abgewichen, sie taugen alle zusammen nichts; es ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer!“ (Röm 3,10-12)

Wenn von Erbsünde gesprochen wird, dann ist in der Regel die individuelle Schuld des Adam gemeint, die auf alle Nachkommen, d.h. auf alle Menschen übergeht. So auch in der NAK:

„Nach neuapostolischer Lehre wird somit allein die Sünde als Erbsünde bezeichnet, durch die die vollständige Trennung von Gott zustande kommt. Sie ist nach dem Taufakt nicht mehr vorhanden. Die Geneigtheit zur Sünde (Konkupiszenz) bleibt auch nach der Taufe erhalten und gehört nicht zur Erbsünde.“ (Internet, Stand 28.05.2009: http://www.nak.org/de/news/offizielle-verlautbarungen/article/15692/)

Die Erbsündlehre ist eine von Menschen aus der „Taufe gehobene“ Idee und kommt als für sich stehender Begriff in der Bibel nicht vor. Dies weiß auch die NAK, wenn sie auf ihrer Internet- Präsenz veröffentlicht:

„...Die Lehre von der Erbsünde wurde im Wesentlichen von Augustinus (354-430) formuliert. Für ihn hat die Erbsünde ihren Grund in der Ursünde Adams und Evas. Sie werde gleichsam von den Eltern auf die Kinder physisch vererbt...Der Begriff 'Erbsünde' kommt in der Heiligen Schrift nicht vor...“ (Internetwebsite der NAKI, Artikel über die Erbsündlehre 05.07.2008, http://www.nak.org/nc/de/news/news-display/article/15692/)

Desweiteren stützt sich die Neuapostolische Kirche auf Römer Kapitel 5 Vers 12 und 15-19. Lesen wir die betreffenden Verse doch einmal unvoreingenommen:

„Deshalb, wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und der Tod durch die Sünde, so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben.“ (Röm 5,12)

„Aber nicht verhält sich's mit der Gabe wie mit der Sünde. Denn wenn durch die Sünde des Einen die Vielen gestorben sind, um wieviel mehr ist Gottes Gnade und Gabe den vielen überreich zuteil geworden durch die Gnade des einen Menschen Jesus Christus. Und nicht verhält es sich mit der Gabe wie mit dem, was durch den einen Sünder geschehen ist. Denn das Urteil hat von dem Einen her zur Verdammnis geführt, die Gnade aber hilft aus vielen Sünden zur Gerechtigkeit. Denn wenn wegen der Sünde des Einen der Tod geherrscht hat durch den Einen, um wieviel mehr werden die, welche die Fülle der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, herrschen im Leben durch den Einen, Jesus Christus. Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt. Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die Vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten.“ (Röm 5,15-19)

Gibt es also eine Erbsünde im Sinne einer vererbten Schuld? Schreibt Paulus von dieser vererbten Schuld? Dazu bemerkt Professor Emil Brunner sehr treffend zu Röm 5,12, welches sich ebenso auf die nachfolgenden Verse bezieht:

„Nicht schuldlos werden die Nachfahren (Adams) von dieser Verderbensmacht erfasst, sondern sie kommen alle um, weil sie alle gesündigt haben’. Es kommt Paulus nicht darauf an, eine lehrhafte Darstellung der Erbsünde im Sinne der späteren kirchlichen Lehre zu geben. Gerade das physische Moment der Vererbung ist bei Paulus nicht betont – jenes Element, das seit Augustin aus bibelfremden Gedankenzusammenhängen her in die kirchliche Lehre eindrang und sie beherrschte. Worauf es dem Apostel ankommt, ist ein Doppeltes: 1. Seit Adam liegt über der Menschheit, über der ganzen Geschichte, ein Verhängnis des Todes. … Das Zweite aber ist dies, dass Paulus nicht schon dieses Verhängnis als solches Sünde nennt oder gar von einer Vererbung der Sünde spricht, sondern dass dieses Verhängnis zur Sünde wird dadurch, dass der Mensch tatsächlich, in eigener Entscheidung, gegen Gottes Willen handelt und zum Übertreter des Gesetzes wird. … Ebenso heißt es zwar, dass es von Adam her zur Verurteilung aller kam, aber nicht, dass die späteren für die Sünde Adams bestraft wurden, sondern ausdrücklich: ‚weil sie alle sündigen. ’ Der Hauptbeweis der Augustinischen Lehre, das ‚in welchem (Adam) alle sündigten’, beruhte auf einer offenkundig falschen Übersetzung des griechischen Urtextes. Spätere Vertreter der kirchlichen Lehre, z. B. Calvin, haben zwar diesen Übersetzungsfehler anerkannt und gutgemacht, aber sie erlaubten sich, das ‚weil sie alle sündigten’ zuständlich aufzufassen‚ weil sie alle sündig beschaffen waren’. Sehen wir uns im übrigen Römerbrief und in den anderen Briefen des Apostels um, so finden wir keinen Anhalt für die Lehre Augustins. Paulus führt die Sünde des Menschen nirgends auf eine Erbbelastung von Adam her zurück … Soviel können wir zusammenfassend sagen: Von Adam her ist die Macht der Sünde und des Todes in der Welt, unter der ein jeder steht, indem er selbst sündigt...“ (Emil Brunner: „Der Römerbrief“, Ev. Verlagsanstalt, Berlin, 1950, Seite 35 und 36.)

Paulus kennt keine Erbsünde im Sinne einer vererbten Schuld. Im Gegenteil Paulus teilt unmissverständlich mit, dass der Mensch für seine eigene Sünde und damit für seine eigene Schuld in die Verantwortung genommen wird:

„So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben“ (Röm 14,12)

Das endgültige Aus für die Lehre von der Erbsünde ist besiegelt, wenn wir in der Heiligen Schrift bei Hesekiel folgendes nachlesen und berücksichtigen:

„Aber sein Vater, der Gewalt und Unrecht geübt und unter seinem Volk getan hat, was nicht taugt, siehe, der soll sterben um seiner Schuld willen. Doch ihr sagt: »Warum soll denn ein Sohn nicht die Schuld seines Vaters tragen?« Weil der Sohn Recht und Gerechtigkeit geübt und alle meine Gesetze gehalten und danach getan hat, soll er am Leben bleiben. Denn nur wer sündigt, der soll sterben. Der Sohn soll nicht tragen die Schuld des Vaters, und der Vater soll nicht tragen die Schuld des Sohnes, sondern die Gerechtigkeit des Gerechten soll ihm allein zugute kommen, und die Ungerechtigkeit des Ungerechten soll auf ihm allein liegen." (Hes 18,18-20)

Wir halten fest: Es gibt keine Erbsünde, welche die Schuld des Adam, die Schuld des ersten Sündenfalls auf die Nachkommen überträgt. Es gibt keine Kollektivschuld, welche den Menschen in die Verurteilung bringt. Immer ist es die persönliche Schuld, die Gerechtigkeit fordert. Deshalb ist eine Abwaschung der Erbsünde bzw. Erbschuld weder notwendig noch möglich!

Doch die Lehre von der Erbsünde ist für Kirchen eine sehr praktische Sache. Gibt es eine Erbsünde, müssen Säuglinge getauft werden, damit sie, falls sie sterben, nicht unerlöst in die Ewigkeit gehen. Und so sichert und rekrutiert man sich das eigene „Glaubenspersonal“, ohne freie Entscheidung, ohne Zustimmung der Getauften.

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